Die italienische Erbschaft

Flavio und Melissa Pandolfo sind fiktive Figuren die von mir mit Leben gefüllt werden, wenn sie in meinen Geschichten auftreten.


Beherzt reißt Flavio Pandolfo den Briefumschlag auf, während er sich vier Teelöffel  Zucker in seinen Kaffee schaufelte und umrührte . Der Brief kam von der Anwaltskanzlei Tazinni aus Bellagio vom Comer See. Es wird ihm mitgeteilt, dass seine Tante Gina Mainardi verstorben ist. Er wird gebeten zur Testamentseröffnung am 4.11.2009, um 14 Uhr in der Kanzlei zu erscheinen. Völlig aus dem Häuschen ruft er aufgeregt seine Frau Melissa.

„Wie kam das denn, dass die sich an uns erinnern ?“ Als sein Vater noch lebte waren sie zuletzt, das sind ungefähr fünfzehn Jahre her, bei Tante Gina am Comer See zu Besuch. Der Anlass war die Beerdigung seines Onkels und nun ist auch Tante Gina verstorben. Flavio war schon lange nicht mehr in Italien, sie hatten zur Verwandtschaft keinen Kontakt. In den 50er Jahren kam sein Vater als Gastarbeiter aus Sizilien nach Duisburg,  er hat im Bergbau gearbeitet. Seine Mutter ist mit ihm, als Dreijährigem, nach  Deutschland nachgekommen und geblieben. Die ganze Familie ist ausgewandert zum Teil nach Deutschland und zum Teil in die USA. Nur Tante Gina hat einen Hotelier vom Comer See geheiratet und mit ihm das Hotel Belvedere geführt. Als der Onkel starb konnte sie das Hotel nicht alleine weiter führen und hat es verkauft. Seit der Zeit lebte sie in Bellagio in einer kleinen noblen Villa. Kinder hatten die beiden keine.

Die Kanzlei Tazinni hat die Familie Mainardi bislang immer gut vertreten und beraten. Ein Anliegen von Tante Gina war es, das Signor Tazinni sich auch um die Erbschaftsangelegenheiten persönlich kümmern möge. Zumal er sehr gut deutsch spricht und Tante Gina wußte, dass Flavio des Italienischen nur sehr wenig mächtig ist weil er in Deutschland aufgewachsen ist.

„Ja, sollen wir jetzt da runterfahren, weil wir vielleicht zwei Silberlöffel erben?“

„Flavio, bitte telefoniere doch erst einmal mit dem Signor Tazinni. Der kann sicher schon etwas in dieser Angelegenheit sagen,“ rät ihm Melissa. Grummelnd, schiebt sich Flavio in sein kleines Büro und klemmt sich ans Telefon. Nach 15 Minuten kommt er mit hochrotem Kopf zu Melissa in die Küche. „Viel konnte, oder wollte er noch nicht sagen. Aber wir sollen auf jeden Fall kommen, denn wir gehören zu den Haupterben. Zur Beerdigung müssen wir natürlich auch. Wir sollten uns am besten 1 Woche hier freimachen, so etwa wie für einen Kurzurlaub am Comer See. Herr Tazinni wird uns eine kleine Ferienwohnung für die Zeit reservieren und uns vom Bahnhof in Como abholen. Das hat er mir vorgeschlagen und ich habe zugesagt. Hört sich doch ganz vernünftig an, oder ?“

„Oh je Flavio, ich habe überhaupt nichts passendes anzuziehen.“

„So wie ich dich kenne Melissa, wird dir da schon schnell was einfallen. Ich spreche jetzt mit Eddie, wegen der Vertretung im Laden während unserer Reise und du kannst ja ins Städtchen gehen und dein Problem lösen. Erzähle aber nicht den Nachbarn das wir erben werden, sonst kommen die noch auf komische Gedanken.“ Die Tage bis zur Abfahrt sind ausgefüllt mit Reisevorbereitungen und Einkäufen. Melissa schläft schlecht und Flavio hat, zu ihrem Leidwesen, wieder angefangen zu Rauchen. Beide sind froh als sie endlich im ICE sitzen.

Wie verabredet holt sie Signor Tazinni am Bahnhof in Como ab. Schon die Fahrt nach Bellagio wird für die Beiden zum Genuss. Die Landschaft wechselt von geheimnisvollen stillen Dörfern zu extravaganten Villen mit üppigen Gärten, dazwischen die mondänen Seepromenaden. Flavio hatte die landschaftliche Schönheit des Comer Sees vergessen, er konnte sich nicht sattsehen, es war überwältigend. Nicht umsonst wird Bellagio als die „Perle des Comer Sees“ bezeichnet und es lassen sich seit eh und je hier Prominente, Adel und Hollywoodstars nieder. Dennoch ist es nicht nur ein extravagantes und mondänes Reiseziel. Mit seinen schmalen Gässchen und steilen Treppen gibt es reichlich Kontraste zur gelebten Alltagswelt. Besonders im Herbst wenn der große Ansturm des Tourismus und damit der wahnsinnige Straßenverkehr nachgelassen hat. Jetzt ist die Zeit wo man auf einer Bank am See im milden Licht des Nachmittages das „melancholische Murmeln“ des Wassers hören kann.

Zu einer kurzen Mittagspause hält Signor Tazinni an der kleinen Ferienwohnung, dort holt er sie nach 1 Stunde wieder ab. Zu kurz sei die Pause, meint Melissa, aber sie schafft es trotzdem sich in Schale zu schmeißen. Zum Schluss fehlt nur noch der Hut in Form eines Wagenrades mit kleinem dezentem Schleier, dann sind sie bereit für Tante Ginas letztes Geleit. Sie gehen durch die Altstadt zu Fuß zum Friedhof. Melissa klettert mit ihrem neuen Beerdigungs Outfit über das Kopfsteinpflaster, ebenso tut sich Flavio mit seinen Tanzschuhen schwer auf dieser Strasse. Aber der Blick vom Friedhof auf den See ist phantastisch und entschädigt den mühevollen Anstieg zum Ortsende. “ Oh, hier könnte ich mir vorstellen auch einmal zu liegen,“ sagt Flavio voller Begeisterung.

Mit erstaunten und neugierigen Blicken wurden sie beim Eintritt in die Kapelle San Giovanni Battista begutachtet. Die Begleitung von Signor Tazinni erwies sich als hilfreich, da sie niemanden kannten. Es waren  einige alte Freunde und Nachbarn erschienen, Tante Gina war ja schon 90, da hat man nicht mehr so viele Freunde und von der Familie war sie die Letzte. „Wie sind die Herrschaften den Berg alle noch hochgekommen?“ flüsterte Flavio. „Ja, zu Fuß, die sind alle noch gut unterwegs, das macht die Übung,“ erwiderte der Signor.

Die kurze Predigt die Monsignor Mariano hält weist darauf hin, das Tante Gina nicht zu den fleißigsten Kirchgängerinnen zählte. Auch die Predigt am Grab wurde recht kurz gehalten. Flavio und Melissa war das recht, sie gehören auch nicht zu den eifrigsten Kirch Besuchern. Der Friedhof ist der bunteste Platz im Ort. Die Gräber sind liebevoll über und über mit Plastikblumen, Kerzen und Fotos der Verstorbenen geschmückt. Sehr interessant war auch die begehbare Familiengruft in der Tante Gina beigesetzt wurde.

Zum Abschluss der Beerdigung trafen sich noch einige Trauergäste im Gemeindehaus zum Kaffeetrinken. Danach löste sich die kleine Gesellschaft auf und die Menschen gingen nach Hause. Auch Flavio und Melissa stöckelten den Berg zu ihrer Ferienwohnung zurück. Nun hatten sie Zeit und Muße für einen Spaziergang am Seeufer. „So, die Beerdigung haben wir nun schon hinter uns, wenn nur der nächste Tag schon vorüber wäre, hätten wir mehr Gewissheit, was es mit der Erbschaft auf sich hat.“ seufzte Melissa. In grosser Anspannung erwarteten sie den nächsten Tag. Pünktlich um 14 Uhr trafen Flavio und Melissa in der eleganten Kanzlei Tazinni an der Piazza della Chiesa in Bellagio ein. Im reich mit Mosaikarbeiten geschmückten Innenraum begrüßte sie Signor Tazinni herzlich. In seinem Büro warteten Monsignor Mariono und ein älteres Paar, dass auch gestern auf der Beerdigung war. Das Testament konnte eröffnet werden, alle Personen waren anwesend. Flavio und Melissa hatten vor Aufregung die Nacht kaum geschlafen, ihre Gesichter waren weiß wie Frotteehandtücher und ihre Blicke hingen an Signor Tazinnis Lippen.

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Testamentseröffnung von Signora Gina Mainardi, sie hat ein Testament hinterlassen mit folgendem Inhalt.“

„Mein letzter Wille,

Luigi und Maria sollen das Gartenhaus auf dem Grundstück meiner Villa erben und bis an ihr Lebensende dort weiter wohnen können und solange sie möchten als Hausmeister/Gärtner und Haushaltshilfe für die neuen Villenbesitzer tätig sein.

Monsignor Mariono als Vertreter der Kirchengemeinde San Giovanni Battista, wird für das neue Jugendhaus (zweckgebunden) 100.000 Euro erben.

Mein Neffe Flavio und seine Frau Melissa Pandolfo werden meine Villa „Gina“ einschließlich Grundstück und Inventar erben und eine Summe von 500.00 Euro. Die Beerdigungs- und Notariats Gebühren gehen zu ihren Lasten.“ Flavio und Melissa waren sprachlos. Melissa fasste sich als erste und stammelte:“ Aber wir haben doch unser kleines Haus gerade renoviert.“

„Ja, glaubst du denn ich ziehe hier in den großen Kasten ein?“ erwiderte Flavio, während er seine Taschen absuchte nach einer Zigarette. Er hatte wohl vergessen, dass er nicht mehr raucht.

Senior Tazinni beendete die Testamentseröffnung und bot für Beratung und Rückfragen seine Hilfe an. Sie machten einen Termin für die nächsten Tage aus und waren froh noch einige Zeit vor Ort zu sein, zuviel gab es noch zu klären. Dann gingen sie raus an die frische Luft um ein paar Schritte zu laufen. In das nächste Bistro kehrten sie ein, tranken einen Grappa und versuchten sich über ihre unverhoffte Erbschaft zu freuen.

2 Gedanken zu “Die italienische Erbschaft

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